Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar – „Zeitfrauen“ von Clemens Setz und „Die „Rosenbaum-Doktrin“ von Wolfgang Herrndorf

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Vor einigen Wochen begann ein Beitrag von uns mit den Worten: „Gut, dass ich in einer Bibliothek lese. Oder mit W-Lan.“ Ich denke, jeder war schon in einer Situation, in der er/sie – kaum hatte er/sie etwas in der Glotze gesehen oder irgendwo gelesen – auf das Internet zurückgreift, um entweder die Fakten zu verifizieren oder mehr Informationen zum Thema zu suchen. Als vor kurzem Joshua Cohens lesenswerte Erzählungen unter dem Namen Vier neue Nachrichten erschienen, berichteten mehrere Feuilletons begeistert darüber, der Autor gebe einen interessanten Blick darauf, wie das Internet unser Leben verändert. Das ist alles erschreckend und amüsant zugleich zu lesen, was Cohen in seinen komplexen Stories durchexerziert.

Es war längst überfällig, dass das Internet Thema der Literatur wird – auch wenn ich nicht behaupten würde, Cohen sei der erste, der davon schreibt. Als Leser stellt sich mir jedoch schon länger die Frage, wie das Internet das Schreiben oder die Konstruktion von Texten verändert. Denn die Tatsache, dass Texte von Internet-Phänomenen handeln, lässt noch nicht von einem Einfluss des www auf Literatur als solche oder deren Machart sprechen.

Natürlich kann man Spuren des Internets oder dessen Gebrauch in literarischen Texten oder in der Art und Weise, wie diese geschrieben sind, ausmachen. Lustigerweise sind mir derartige Spuren in zwei Texten aufgefallen, die sich ziemlich unterhaltend mit zwei im weitesten Sinne erkenntnistheoretischen Problemen beschäftigen: Einmal Wolfgang Herrndorfs fiktives Interview Die Rosenbaum-Doktrin und zum Zweiten Clemens Setz‘ Zeitfrauen. [1]

Herrndorf, der sich als literarische Figur, als Interviewer selbigen Namens, im Text wiederfindet, befragt den beinahe ersten Deutschen im All – Friedrich Jäschke – und streift dabei Themen wie Gott, außerirdisches Leben, Raumfahrt und Geheimdienstarbeit; Themen also, die mit einigen Mythen, Aberglauben und Verschwörungstheorien behaftet sind. Setz, der ebenfalls als „Ich“ im Text auftritt, umfliegt in mehreren Aspekten die Darstellung von Zeit, einer der beiden epistemologischen Grundeinheiten menschlicher Wahrnehmung überhaupt. Als würden beide Themenbereiche nicht schon genügend inhaltliche Fragen aufwerfen, statten die Autoren ihre jeweiligen Erzählungen mit allerhand anekdotischen Zügen aus, die mir als Leser immer wieder die Frage stellen: Fiction oder Faction? Ausgedacht oder historisch belegt?

Abgesehen von der Frage, ob mich das zu einem spießigen, kleinkarierten Leser macht oder nicht, zielt es genau auf das eingangs formulierte Phänomen, das durch die Omnipräsenz des Internets wenn nicht aufgekommen, so doch zumindest extrem verstärkt wurde: nämlich, dass beinahe alles, was ich lese, überprüfbar ist.

Die vorliegenden Texte, machen sich dieses Phänomen zunutze, indem sie einen Zwischenbereich betreten, der den Leser im Unklaren darüber lässt, ob er das Gelesene guten Gewissens als Erfundenes oder aber als tiefer in den Text führendes Hinweisschild wahrnehmen darf, soll und muss. Beide Autoren haben dahingehend ihre eigene Vorgeschichte; Setz mehr als Herrndorf. In seinem lebensbegleitenden blog Arbeit und Struktur schreibt Herrndorf am 10.10.2010: „[Katrin] Passig nennt das, was ich da schreibe, Wikipedia-Literatur. Neues, sinnlos mit Realien überfrachtetes Genre, das sich der Einfachheit der Recherche verdankt. Rechtfertige mich damit, daß das meiste ja doch erfunden ist.“[2] Er benennt geradezu die Vermischung des im Internet Aufzufindenden mit dem (gänzlich) frei Erfundenen. Auch Setz, dem das Internet – sieht man sich seinen enormen online-output an – offenbar zweite Heimat geworden ist, hat bereits in seinem letzten Roman Indigo den Anspielungsreichtum des Scheinbar-schonmal-Gehörten trickreich literarisiert und einen Text entworfen der immer auch Hypertext ist.

Wie setzen also die beiden Kurztexte den Effekt ein?

Wolfgang Herrndorfs Rosenbaum-Doktrin erinnert ein wenig an die sehenswerte mocumentary Kubrick, Nixon und der Mann im Mond anwendet. Er eröffnet eine scheinbar reale Gesprächssituation, die in Kontext zu einer verbrieften historischen Tatsache – des sowjetischen Weltraumprogramms – steht. Vor diesem Hintergrund spielt er allerlei Taschenspielertricks, die den Text einerseits außerordentlich komisch machen, und andererseits den Leser immer wieder mit der Frage konfrontieren, was davon eigentlich stimmt. Besonders im Bereich der Raumfahrt, von dem zwar einiges bekannt ist, vieles aber auch nur gerüchteweise oder als Anekdote ans öffentliche Ohr gelangt, vieles niemals das offizielle Siegel bekommt, scheint manchmal alles möglich oder genauso gut unmöglich. Und so schlägt Herrndorf den ganz großen historischen Fächer auf, lässt Jaschke als Insider erzählen, wie Werner von Braun zu den Amerikanern überlief, wie die Kosmonauten trainierten, dass die Sowjets testweise „einen kompletten Zoo da hochgeschossen [haben], auch Pflanzen und Klone und alles“ und schließlich auch, was es mit der namensgebenden Rosenbaum-Doktrin auf sich hat. Diese stellt eine Verhaltensregel dar, „die im wesentlichen sagt, wie auf Unerklärliches zu reagieren ist.“ Und zwar: „Wenn da oben etwas Unerklärliches auftaucht, also was auch immer – Außerirdische – erschießen wir das mit der Bordkanone und tun so, als hätten wir nichts gesehen.“

Im weiteren Verlauf des Interviews deutet Jaschke an. Macht Anspielungen auf Ungereimtheiten, auf in den Reihen des russischen Apparats verschwundene Funktionäre, auf Morde; aber alles bleibt vage. Herrndorf fragt einmal: „Sie meinen also, es ist möglich, daß Sigmund Jähn einen Außerirdischen auf dem Gewissen hat und keiner weiß davon?“ und Jaschke: „Das haben jetzt Sie gesagt.“

Wenn es vor nicht allzu langer Zeit noch hieß: internet is for porn, könnte man mittlerweile mit genauso großer Überzeugung sagen (und ich möchte, dass sich das als internationaler Slogan durchsetzt): internet is for Verschwörungstheorie. Und Herrndorf nutzt genau dieses Moment des Internets für seinen Text. Nach dem Lesen und vielleicht Wiederlesen setzt man sich an den Laptop und googelt Namen, Weltraumprogramme, Tatsachen und verliert sich im All. Das ist schlau und das ist deshalb möglich, weil jeder jederzeit und (beinahe) überall Zugang zum Internet hat.

Setz‘ Text wird auf andere Art Passagier des rollenden Zuges „Internet“. Viel weniger als bei Herrndorfs Text zweifelt der Leser an der Glaubwürdigkeit des Dargebotenen. Setz benennt seine Quellen oder wie er an sein Wissen gekommen ist, alles scheint nachvollziehbar und konkret.

Die Zeitfrauen, wie der Autor sie nennt, sind eine quasi-gesellschaftliche Randinstitution, die auf unterschiedliche Weise Zeit, also Uhrzeit, an den Mann/die Frau bringen. Einmal schwelgt Setz in der eigenen kindlichen Erinnerung an die telefonische Zeitansage der Telekom Austria, die ihm den schillernden Begriff „Summerton“ lebenslänglich ins Gehirn gestanzt hat. Lange vorher lebte Ethel Cain, die als Gewinnerin des britischen „Golden Voice Contest“ als erste die Zeitansage per Telefon durchgeben durfte, wodurch sie Ruth Belville [3] ablöste, die mit ihrer genau gestellten Uhr von Tür zu Tür lief und anbot, die Uhren des Hauses nach ihrem eigenen exakten Exemplar zu richten und somit „on time“ zu sein. Als Setz erschrocken feststellt, dass die alte Telefonansage der Telekom Austria durch eine neue „sexy“ Stimme ersetzt wurde, wird ihm klar: auch die Anzeige und Durchgabe der Zeit mit der Zeit geht, also der Mode unterworfen ist.

Zwischendurch schiebt er einen Exkurs über mysteriöse Zahlensender ein. Das sind nicht-offizielle Radio-Kurzwellensender, die scheinbar ohne Absicht Zahlenreihen in den Äther schicken und denen der Ruf anhängt, verschlüsselte Geheimdienst-Botschaften zu transportieren. Auch hier taucht also der Verschwörungsaspekt auf.

Deutlicher wird bei allen in Zeitfrauen angeführten Beispielen, dass es (Un-)dank Youtube und Wikipedia dem Leser möglich ist, den Ansagen und Geschichten nachzuforschen. Natürlich setzt man sich an den Rechner und sucht die Swedish Rhapsody Number Station. Und sollte man nicht in erster Linie nach Gewissheit suchen, dann möchte man doch zumindest wissen, wie sich das anhört, von dem man gerade in so begeistert-verstörtem Ton gelesen hat.

Nur was versucht man zu finden? Sicherheit im Internet. Das ist der große Witz, den Herrndorf und Setz erzählen. Zu Beginn dieses Artikels nannte ich es „lustig“, dass beide Texte Themen aus dem erkenntnistheoretischen Bereich tangieren. Lustig ist das deshalb, weil sie uns ins Internet führen, weil sie uns darauf aufmerksam machen, wie wir zu unserem Wissen/zu unserer Sicherheit kommen. Clemens Setz zitiert in Zeitfrauen in einem Halbsatz die vier kurze Sätze dauernde Erzählung Die Bäume von Franz Kafka:

Denn wir sind wie Baumstämme im Schnee. Scheinbar liegen sie glatt auf, und mit kleinem Anstoß sollte man sie wegschieben können. Nein, das kann man nicht, denn sie sind fest mit dem Boden verbunden. Aber sieh, sogar das ist nur scheinbar.

So ganz sicher kann man sich nie sein. Auch nicht mit Internet.

Tassilo A. Dornkaat

1 Letzterer kommt genau genommen als literarischer Essay daher. Da der Sukultur-Verlag jedoch die eigene Essay-Reihe „Aufklärung und Kritik“ herausbringt und Zeitfrauen nicht in dieser, sondern in der belletristischen Sammlung erscheint, nehme ich an, dass er als dezidiert literarischer Text gemeint ist.

3 Clemens Setz erfährt übrigens über Thomas Pynchons Mason & Dixon das erste mal von Ruth Belvill. Sie begegnet ihm also zunächst als literarische Figur. Nicht überliefert ist, ob sich der Autor via Internet vergewisserte, ob es sich dabei um eine historische Person handelt.

________________________

Clemens J. Setz
Zeitfrauen, 17 S.
SuKuLTuR Berlin, 2012

Wolfgang Herrndorf
Die Rosenbaum-Doktrin
SuKuLTuR Berlin, 2007

Bequem erhältlich unter http://www.sukultur.de oder in der nächsten vending-machine

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